Neue Wirkstoffe haben die Behandlung der medikamentenresistenten Tuberkulose deutlich verbessert. Doch Resistenzen bedrohen diese Fortschritte. Nach der ersten europäischen Konferenz zur Antimicrobial Stewardship bei Tuberkulose, organisiert vom TBnet und dem WHO-Regionalbüro für Europa, erklärt PD Dr. Thomas Theo Brehm (li.) im DGP-Interview, wo die größten Lücken liegen – und was Deutschland von anderen Ländern lernen kann.
Brehm vom Forschungszentrum Borstel hatte zuvor gemeinsam mit mehr als 60 internationalen Fachleuten Standards für den verantwortungsvollen Einsatz von Tuberkulosemedikamenten entwickelt und untersucht derzeit deren Umsetzung in Europa. Gemeinsam mit Ass. Prof. Dr. Dumitru Chesov (Mitte) und Prof. Dr. Dr. h.c. Christoph Lange (re.) gehört er zu den Initiatoren der Konferenz, die im Sommer in Chișinău, Republik Moldau, rund 100 Fachleute aus der WHO-Region Europa vor Ort und digital zusammenbrachte. Ermöglicht wurde das Treffen durch den Oskar-Medizinpreis, den Lange 2025 erhalten hatte, – den höchstdotierten Medizinpreis Deutschlands. Das Preisgeld floss in die Finanzierung der Konferenz.
Herr Brehm, bei der medikamentenresistenten Tuberkulose hat es in den vergangenen Jahren große Fortschritte gegeben. Warum braucht es trotzdem eine eigene Antimicrobial Stewardship?
Weil diese Fortschritte sehr fragil sind. Heute sehen wir, dass praktisch parallel zur Einführung neuer Medikamente bereits Resistenzen entstehen. Ganz verhindern lässt sich das vermutlich nicht. Wir können aber sehr viel dafür tun, dass sie sich nicht weiter ausbreiten.
Bei der Tuberkulose ist das besonders relevant, weil uns nur relativ wenige wirksame Substanzen zur Verfügung stehen. Deshalb müssen wir die Medikamente, die wir haben und neu bekommen, von Anfang an möglichst verantwortungsvoll einsetzen.
Wo liegen derzeit die größten Lücken?
Entscheidend ist die gesamte Versorgungskette. Sie beginnt bei der Diagnose: Nach neueren europäischen Daten bleibt etwa jede fünfte Tuberkuloseerkrankung unerkannt. Hinzu kommen Lücken bei der Resistenztestung – gerade bei neueren Wirkstoffen wie Bedaquilin.
Auch die Verfügbarkeit der Medikamente ist ein Problem. In Deutschland gab es in diesem Jahr beispielsweise zeitweise Lieferengpässe bei Ethambutol. Weil uns insgesamt nur wenige Substanzen zur Verfügung stehen, kann schon der Ausfall eines einzelnen Medikaments erhebliche Auswirkungen haben.
Was lässt sich daraus für neue Tuberkulosemedikamente lernen?
Derzeit befinden sich mehrere neue Wirkstoffe in klinischer Erprobung. Wenn sie eingeführt werden, müssen möglichst gleichzeitig auch Verfahren zur Resistenztestung verfügbar sein. Bei Bedaquilin ist das nicht ausreichend gelungen. Diesen Fehler sollten wir nicht wiederholen.
Sie hatten bereits vor der Konferenz zehn internationale Standards entwickelt. Was war dann das Ziel des Treffens in Chișinău?
Wir wollten herausfinden, inwieweit diese Standards in der WHO-Region Europa tatsächlich umgesetzt sind und wo noch Lücken bestehen. Erste Ergebnisse haben wir auf der Konferenz diskutiert, die vollständige Auswertung läuft derzeit noch.
Auf dieser Grundlage wurden Arbeitsgruppen gegründet, die gemeinsam mit den einzelnen Ländern daran arbeiten sollen, die identifizierten Defizite zu beheben.
Wo steht Deutschland dabei?
Tuberkulose ist hier zum Glück eine seltene Erkrankung. Gerade deshalb sind bestimmte Strukturen der Antimicrobial Stewardship in Ländern Osteuropas oder Zentralasiens teilweise stärker ausgeprägt: Dort ist das Problem größer und bekommt entsprechend mehr Aufmerksamkeit.
Deutschland und andere Niedrigprävalenzländer können also durchaus von Hochprävalenzländern lernen. Gleichzeitig liegt eine unserer größten Herausforderungen weiterhin darin, überhaupt an Tuberkulose zu denken. Wir sehen immer wieder Patientinnen und Patienten, deren Erkrankung erst spät erkannt wird, obwohl zuvor bereits Arztkontakte stattgefunden haben.
Warum braucht es dafür eine internationale Zusammenarbeit – und wie geht es jetzt weiter?
Tuberkulose tritt besonders häufig dort auf, wo Armut, Krieg, Ungleichheit und schwache Gesundheitssysteme zusammenkommen. Gleichzeitig sind Menschen sehr mobil. Behandlungen müssen deshalb auch über Ländergrenzen hinweg funktionieren – und natürlich machen auch Resistenzen nicht an Grenzen halt.
Die auf der Konferenz gegründeten Arbeitsgruppen arbeiten nun unter anderem an Verbesserungen bei Diagnostik, Aus- und Weiterbildung und spezialisierten Beratungsangeboten. Später wollen wir die Erhebung wiederholen und prüfen, welche Fortschritte erreicht wurden. Eine weitere Konferenz ist spätestens für 2028 vorgesehen, möglicherweise schon 2027.
Aus der Konferenz ist zudem ein internationaler „Call to Action“ hervorgegangen, den PD Dr. Thomas Theo Brehm gemeinsam mit weiteren Fachleuten im August in The Lancet Regional Health – Europe veröffentlicht hat. Auch die DGP unterstützt den Aufruf.